Die Rote Linie des Neusprechs

In Syrien ist ja dank der UN-Inspektoren jetzt klar, dass dort Giftgas versprüht wurde, was die „Rote-Linie“-Doktrin der USA auslöste und den ganzen Schlamassel, indem wir uns gerade befinden.

Durch die Pressemeinungen durchzusteigen, ist gerade schwierig, weil gerade Information und Meinung wild durcheinander wirbeln. Ich war heute wirklich unglaublich dankbar, als ich diesen wunderbaren Blogeintrag gelesen habe, der mal zwischen Meinung und Information unterschieden hat und den „Meinungsmachern“ gehörig die Meinung gesagt hat. Wurde auch Zeit.

Aber für mich gibt es einen weiteren, wichtigen Punkt: Das Neusprech der Roten Linie.

Barack Obama hat, wie alle anderen der jetzt so betroffenen Staatengemeinschaft, 2 Jahre lang tatenlos zugesehen, wie sich in Syrien alle Parteien stellvertretend an die Gurgel gegangen sind. Das daraus resultierende Flüchtlingselend wurde den Anrainern überlassen: Jordanien und die Türkei tragen die Hauptlast, Deutschland hat sich immerhin großzügig bereiterklärt, 5.000 Flüchtlinge aufzunehmen – aber nur, wenn die schon Verwandte in Deutschland haben.

Und jetzt plötzlich der C-Waffeneinsatz. Der – selbstredend – nur von Assad ausgeführt werden konnte. Damit wurde eine Rote Linie überschritten, die sofort eine Strafaktion nach sich zieht, weil C-Waffen „hinterhältig“ sind.

Keins der großen Medien hat diese Schizophrenie mal aufgearbeitet, dass es für die USA offenbar völlig in Ordnung ist, Bomben, Granaten, Mörser und Kugeln auf die Leute hageln zu lassen, aber wenn Giftgas im Spiel ist wird eine imaginäre „rote Linie“ überschritten? Zwei Jahre lang sterben Männer, Frauen und Kinder im Bombenhagel und an den Folgen wie Hunger und Krankheiten – aber bei Giftgas greift man ein?

Dabei ist die Chemiewaffenkonvention selbst etwas, was man hinterfragen muss. Danach versteht

[…]man unter einer toxischen Chemikalie jede Chemikalie, die durch ihre chemische Wirkung auf Lebensvorgänge den Tod, eine vorübergehende Handlungsunfähigkeit oder einen Dauerschaden bei Mensch oder Tier herbeiführen kann.

Beispiel gefällig?

Wenn der türkische Premierminister Erdogan Tränengas auf seine Bevölkerung regnen läßt, so dass man glaubt, in Istanbul ist ein Großfeuer ausgebrochen, dann ist das „Riot Control“.

Sollte aber jetzt Assad Tränengas gegen die Rebellen einsetzen, wäre das ein Angriff mit C-Waffen und das Überschreiten der „Roten Linie“. Denn Tränengas wird als chemisches Kampfgas in Kriegseinsätzen gewertet. Nur für die „Riot Control“ macht man explizit in der Konvention eine Ausnahme.

Es ist diese Art der Heuchelei, die ärgerlich macht. Dieses Neusprech, dass den Leuten suggeriert, dass eine Tötungswaffe schlimmer ist als eine andere. Die einen Unterschied zwischen einer „ehrlichen“ Kugel und einem „heimtückischen“ Giftgasangriff macht.

Am Ende sind Menschen tot.

Und anders als es alle Meinungs“macher“ derzeit suggerieren, weiß man aktuell nur, DASS Giftgasgranaten geworfen wurden. WER die geworfen hat, weiß man nach wie vor nicht. Man kann das gar nicht oft genug wiederholen.

Ich will den Verantwortlichen für das Massaker und für *alle* syrischen Massaker vor einem UN-Tribunal sehen. Ich will die im Gefängnis sehen.

Aber ich will die Täter mit ordentlichen Beweisen da sehen. Und nur weil Assad als Diktator klassifiziert wurde, heißt das noch lange nicht, dass er auch die Granaten geworfen hat. „Der ist Diktator“ ist kein Beweis.

Und angesichts des anhaltenden NSA-Skandals halte ich auch alle Quellen wo „Geheimdienst“ draufsteht, derzeit nicht für glaubwürdig. Die Geheimdienste haben in der Vergangenheit nicht nur eine beeindruckende Fehlerquote bewiesen, sondern sie haben aktuell sehr konkret auch eigene Gründe, warum sie Assad als Schuldigen darstellen….

…oh guckt mal. Ein dreiköpfiger Hund….

/update

Das Kneipenlog mit einer sehr guten Diskussion über das Thema

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14 thoughts on “Die Rote Linie des Neusprechs

  1. Es sind wohl mehrere verschiedene Themen. Um einige der (vielleicht auch nur rhetorischen) Fragen stichwortartig aufzugreifen:
    – Man kann natürlich zwischen tödlichen und nicht-tödlichen Chemiewaffen unterscheiden.
    – Das grösste Problem ist wohl, dass C-Waffen schwierig bis unmöglich sind so einzusetzen, dass sie zwischen Militär und Zivilbevölkerung diskriminieren. Eigentlich eine Vorgabe des humanitären Völkerrechts.
    – Das vermutlich über 100’000 Menschen ums Leben kamen, aber nun nur Chemiewaffen das Thema für den Westen sind, finde ich sehr störend und es stinkt nach Heuchelei. Aber der Pragmatiker in mir sagt: „Immerhin“.
    – Ich vermute die „rote Linie“ wurde gezogen, in der Annahme, dass Assad dann nicht drüber geht. Diese Fehleinschätzung hat sich nun gerächt.
    – Man meinte nun mit C-Waffen das beste Argument für einen Einsatz zu haben (da auch in der Bevölkerung diese als irgendwie schlimmer empfunden werden vermute ich mal). Dummerweise hat nun Putin mit dem Vorschlag dazwischengfunkt in dem er diese Argumente „ernst“ genommen hat.
    – Man weiss nicht wer die Attacke lanciert hat. Ganz sichere Beweise werden wir (die Öffentlichkeit) kaum kriegen. Alle Akteure haben eine Agenda. Es bleibt uns nichts anderes übrig, als zu versuchen, rauszufiltern was überzeugt und was plausibel ist. Ich bin der Meinung, dass es stark danach aussieht, dass der Einsatz vom Assad Regime herkam (auch wenn es unklar ist, wie weit oben er entschieden wurde). Man muss auch aufpassen, dass man sich vor lauter Neutralität nicht auch für die Propaganda der anderen Seite (in diesem Fall Syrien und Russland) einspannen lässt.

    • Gerade Syrien ist eine echte Gratwanderung. Wenn ich könnte wie ich wollte, würde ich alle Beteiligten am Kragen packen, an einen Tisch setzen, festketten und erst wieder rauslassen, wenn die sich geeinigt haben. Aber ich kann ja nicht..

      Ein paar Gedanken zu deinen Stichworten:

      – Auch Tränengas ist in ausreichend hohen Dosen tödlich. CS-Gas, Pfefferspray – sie alle haben schon Todesfälle verursacht. Die Unterscheidung zwischen tödlichen und nicht-tödlichen ist daher recht willkürlich. Richtig ist, dass der menschliche Körper einige Giftgase besser verpackt als andere. Aber reines Capsaicin (das in Pfefferspray enthalten ist und z.b. auch sehr scharfen Chilisaucen zugesetzt wird) ist toxisch. Taser gelten als nicht tödliche Waffe, aber bei Menschen mit Herzproblemen kann das sehr deutlich anders aussehen.

      Ich sehe Waffen an sich grundsätzlich alle potenziell als tödlich an. Auch die „harmlosen“ Taser – denn wenn du das Ding abschießt, weißt du nicht, ob dein Gegenüber nicht zufällig herzkrank ist. Man schießt einfach nicht auf Menschen. Egal mit welcher Waffe. Würden sich alle dran halten, hätten wir weniger Probleme.

      – Ja, Syrien ist inzwischen endlich auf der Agenda, aber die Flüchtlinge und ihre verzweifelte Situation fallen völlig hintenrüber. Es geht NUR um die Giftgaseinsätze und um mehr Bomben, die man auf das geschlagene Land fallen lassen will. Mehr nicht. Humanitäre Hilfsaktionen? Nö, statt dessen bewaffnet man die Rebellen. Den Versuch unternehmen, endlich die Flüchtlingsströme vernünftig zu leiten und die Auffanglager erträglich zu machen? Nö, statt dessen poliert man die Cruise Missiles und vollführt diplomatische Eiertänze. Bah.

      – Das Problem, dass die C-Waffen nicht zwischen Militärangehörigen und Zivilbevölkerung unterscheiden hat man doch bei Bomben genauso. Eine Mörsergranate, die in ein Wohnviertel einschlägt sagt ja auch nicht „oh, da spielen Kinder, hmne – ich explodier mal weiter da links, da ist ein Militärbunker“. So funktionieren Massenvernichtungswaffen nicht.

      Vor der Granate sind alle gleich. Egal ob diese Granate jetzt Giftgas oder Sprengstoff enthält.

      – Die Rebellen versuchen seit geraumer Zeit, Assad in eine weitere Front mit einem größeren Gegner zu ziehen, weil sie halt auch von der syrischen Armee ziemlich in Schach gehalten wurden. Trotz der Gelder aus Saudi-Arabien (Al-Quaida) oder den USA (FSA). Syrien ist für mich ein ausgewachsener Stellvertreterkrieg, wo der Bürgerkrieg schon lange beendet wäre, wenn nicht ständig irgendwelche Idioten das befeuern würden, indem sie Menschen, Material und Geld da verheizen (die Reihenfolge ist bewußt so gewählt).

      Persönlich halte ich die Möglichkeit, dass Assad das angeordnet hat, nach wie vor gegen Null. Der wusste genau, dass er dann eine neue Front aufmacht und dass Russland ihn dann nicht unbedingt würde beschützen können. Denn ja, die C-Waffen sind nach wie vor in einem schlechteren Ruf als Bomben – imho völlig zu Unrecht.

      Und einen Mehrfrontenkrieg macht man nicht ohne Not auf – selbst dann nicht, wenn man die Russen im Rücken hat.

      Im Gegenzug sind im April oder Mai nach meinen Informationen in Adana in der Türkei Rebellen“krieger“ von der türkischen Polizei gefangen genommen worden – mit Sarin-Gascontainern. Bei aller Vorsicht den Quellen gegenüber (das ist eine der Situationen, wo ich verfluche, nur englisch als Fremdsprache zu können): Das deutet dann doch mehr auf Gascontainerwurf durch die Rebellen hin, die die USA in den Bürgerkrieg reinziehen wollen. Das würde übrigens auch die mehr als angefressene Reaktion der Rebellen erklären, nachdem Obama so eloquent den Schwanz eingezogen hat als er merkte, dass sich die Begeisterung der Leute in Grenzen hielt, auch nur irgendeinen Soldaten da hinzuschicken.

      Assad ist kein Waisenknabe – aber die Rebellen sind auch keine heroischen Freiheitskämpfer.

      – Richtig. Man weiß es nicht. Und mich fressen derzeit die ganzen Kommentare, die sich gegenseitig als Meinungsverstärker geben, bis „jedem klar ist, dass Assad die Granaten geworfen hat“ derzeit richtig an.

      Es ist doch, nüchtern und neutral betrachtet, völlig egal, wer da was geworfen hat. Da ist ein Bürgerkrieg. Da wird gerade ein Land systematisch plattgebombt. Da sterben jeden Tag Menschen, sie sterben im Bombenhagel, sie sterben durch Hunger, fehlende Gesundheitsfürsorge und durch vermeidbare Krankheiten, weil die Infrastruktur völlig zerstört ist. Weil Krankenhäuser nur noch Notbetrieb fahren können und teilweise selbst unter Beschuß stehen.

      Aber da macht man ein Fass auf wegen Giftgasgranaten, die 1400 Leute getötet haben. Von den Hunderttausenden, die bereits tot sind, von den Millionen Flüchtlingen – da spricht keiner. 🙁

      Und ich glaube nicht, dass ich mit dieser Haltung auf irgendwelche Propaganda reinfalle.
      Der Mainstream ist da imho durchaus gefährdeter:

      http://www.spiegel.de/politik/ausland/buergerkrieg-in-syrien-chat-aus-der-hoelle-a-916901.html

  2. Thema Stellvertreterkrieg und so:
    Das sind ja jetzt nicht nur die Ideologien(Kommunen und Kapitälchen) die sich da die Köpfe einschlagen sondern ja auch die religiösen Querschläger.
    Die haben sich in der Gegend historisch gesehen immer schon mal auf dem Kieker gehabt und wo grad mal Rummel ist, ziehen die Clowns alle mit.

    Das heisst, eine oder beide Seiten haben wohl so einige Möchtegern-Gotteskrieger in den Reihen, die gerne ihre Version der Welt kommen sehen wollen. Da kann man sich auch vorstellen das die dann Märtyrer-(für unseren Religionsdingens ist das okay, der sortiert die Guten in den Himmel) oder Ketzer-(die bösen Anderen müssen weg)mässig Unheil stiften wollen und dann auch mal ohne offizielle Weisung Massen vernichten.

    Wenn ich mich recht entsinne haben die syrischen Alawiten auch eher eine entspanntere Haltung zu christlichen Gemeinschaften. Und Assads Familie ist wohl auch dazu gehörig.
    Es soll ja angeblich eher ruhig zwischen muslimischen und christlichen Syrern vorm Bürgerkrieg gewesen zu sein.
    Da sehen dann wohl einige in naher Zukunft auch schon radikale Muslimbruderschaften umherziehend, wenn jetzt so einfach rückhaltlos der religiös gemässigte Assad entfernt/-machtet wird.
    Das scheint mir mit so ein Grund zu sein warum die Weltpolizei da noch nicht eingeschritten hat.
    Nach dem arabischen Frühling und dem Aufkommen der Radikalen, wollten die wohl eher still halten.

    Wobei Obama es den Konservativen auch nicht recht machen kann, will er Radau, sind die dagegen und will er keinen Radau wird geplärrt warum denn nicht.

    Wobei Massenvernichtungswaffen ja nun auch nicht unbedingt genau das sind, was man sich gewöhnlich darunter vorstellt.
    Ich zitiere mal aus einem anderen interessanten Blog:
    http://www.popehat.com/2013/04/22/thoughts-on-the-tsarneav-complaint/

    Also ist schon so einiges mehr eine Massenvernichtungswaffe, die meisten Kriegsmittel also. Zumindest aus Sicht der US-Justiz.
    Handgranate, Rohrbombe, RPG, … alles auch Massenvernichtungswaffen

    • Gah, Zitat wollte nicht
      The statute defines „weapon of mass destruction,“ for purposes of explosives, like this:

      the term “weapon of mass destruction” means—
      (A) any destructive device as defined in section 921 of this title

      Dammit. Can’t you people keep everything in one place? Okay. Title 18, United States Code, section 921 defines „destructive device“ to include this:

      The term “destructive device” means—
      (A) any explosive, incendiary, or poison gas—
      (i) bomb,
      (ii) grenade,
      (iii) rocket having a propellant charge of more than four ounces,
      (iv) missile having an explosive or incendiary charge of more than one-quarter ounce,
      (v) mine, or
      (vi) device similar to any of the devices described in the preceding clauses;

  3. – Das mit tödlich/nicht-tödlich ist nicht unbedingt mein Argument, ich finde es aber nachvollziehbar. Ich habe in meinem Blog einmal von „etwas weniger tödlichen“ Waffen geschrieben wenn ich mich recht erinnere (und den Problemen damit, z.B. dass der Unterschied zum Folterinstrument schwer zu sehen ist).

    – Das mit der humanitären Situation stimmt und wiederohlt sich in jedem Konflikt. Wir geben uns besorgt, verurteilen, während wir gleichzeitig Leute abschiebe, Mauern bauen und Zäune elektrifizieren. Das hohe moralische Ross ist bequem, solang die Rüstung sitzt.

    – Ich habe meine Zweifel, dass Saudi Arabien bewusst und direkt Al-Kaida unterstützt. Ist die Organisation doch als Anti-Saud Bewegung gegründet worden (ich weiss natürlich schon, dass sie die Rebellen unterstützen)

    – Ich weiss nicht, warum immer alle so tun als ob ein C-Waffen Angriff so klar eine Einmischung einer Drittpartei auf der Seite der Rebellen zur Folge haben musste. Eigentlich haben wir ja gerade gesehen, dass dies nicht der Fall war. Auch kleinere Einsätze zuvor hatten keine solchen Konsequenzen. Die USA haben auch kaum Lust sich einzumischen (die Briten offenbar auch nicht). Auch können solche Entscheide auf tieferer Ebene gefällt werden: Fehler, Dummheit, etc. sind leider auch alles plausible Erklärungen. Es gibt Beispiele genug auch in Friedenszeiten (Stichwort: Nukleararsenal) ohne Kriegschaos. So zu tun als ob dies eine einfache Kalkulation war halte ich für unglaubwürdig. Nicht einmal ex post wurde dies bestätigt. Die Gefahr vom Auffliegen durch klare Beweise kommt dann noch dazu.

    – Bei der Diskriminierung ist es halt wieder eine Sache von Abstufungen. Zwischen Bajonett und Nukelarwaffe gibt es verschiedene Grade. Das humanitäre Völkerrecht schliesst zivile Opfer auch nicht per se aus. Es müssen aber gewisse Bedingungen erfüllt sein. Bei C-Waffen ist das schwierig. Das kann man nun moralisch als stossend empfinden, ich denke es ist immer noch besser als auf einem absoluten aber unrealistischen Standpunkt zu beharren. Wir sind uns sicher einig, dass gar kein Krieg immer die humanere Lösung wäre.

    – Es ist halt nicht egal wer die C-Waffen benutzt hat, weil offensichtlich diese moralisch in eine andere Kategorie gestellt werden (ob wir da jetzt einverstanden sind oder nicht).

    – Meine Bemerkung zur Propaganda war sich von dieser „einspannen“ zu lassen nicht „darauf hereinzufallen“. Wie gesagt, ich glaube es braucht weniger Annahmen, dass der Staat und nicht die Rebellen hinter dem Einsatz stecken. Es gibt unabhängige Organisationen, die Hinweise in diese Richtung gesammelt haben. Es erscheint mir viel plausibler. Und mehr als eine Plausibilitäts-Einschätzung kann man nicht machen, wenn man nicht selber Belege sammeln geht. Die smoking Gun wird man nicht finden.

    • – mit der Formulierung kann ich mich anfreunden. Denn Waffen gibt es nicht in nicht tödlich – etwas kann immer schiefgehen. Wer Waffen in tödliche und nicht-tödliche unterscheidet, dessen Motivation muss hinterfragt werden. Und ja, wenn man dann noch Folterinstrumente hinzufügt, wirds vollends hässlich, das bekommt man definitiv nicht mehr sauber getrennt. Aber nach meiner Meinung nach muss man das auch nicht. Wenns nach mir geht gibts ein weltweites Waffenverbot. Und wer dagegen verstößt kann sich gesiebte Luft angucken.

      – uneingeschränktes „ja“ an dieser Stelle. Ich habe noch nie so schamrot vor dem Rechner gesehen, als die EU Deutschland als vorbildlich gelobt hat, weil sie 5.000 Flüchtlinge aus Syrien aufnimmt. Und zudem noch Finanzhilfen zugesagt hat, wenn ich mich recht erinnere, damit die „Belastung“ abgefangen werden kann. Bäääääääääääääääh. *papiertüte aufsetz*

      – Die Familie Al-Sa’ud sitzt ja selbst auf einem Pulverfass, das jederzeit hochgehen kann. In der Region sind die nicht gerade wohlgelitten, sollten die USA jemals die schützende Hand wegziehen, täten sie gut daran, einen aufgetankten Hubschrauber mit laufenden Rotoren im Garten zu haben. Ich bin übrigens etwas überrascht bezüglich des „Anti-Saudi-Arabien“ – ich dachte immer, dass Al-Kaida mehr die Söldnertruppe war, die damals nach Afghanistan geschickt wurde, um die bösen Russen rauszuschießen. Und dass dazu dann halt die jungen Männer verschifft wurden, die „Anpassungsschwierigkeiten“ haben, lies: Dissidenten. Dass die jetzt nicht wirklich gut auf Saudi-Arabien zu sprechen waren: Geschenkt, aber ich war mir nicht dessen bewußt, dass die Gründung explizit Anti-Saudisch war.

      – Das war leider Obamas Rote Linie. Und darum halte ich nach wie vor die Möglichkeit, dass Rebellen das inszeniert haben, für durchaus möglich. An Uniformen zu kommen, sollte kein Problem sein. Es gibt genug Tote auf beiden Seiten. General Idriss weiß als ehemaliger hochrangiger Armeeangehöriger, wo die Bunker sind und welche wie gut bewacht werden bzw. sogar in Rebellengebiet liegen. Und die Versuche, eine weitere Front for Assad aufzumachen, gab es mehrfach (Stichwort: Granateneinschläge in die Türkei und dann ein Zeigen Richtung Damaskus: „Er wars“ – die rauchenden Granatwerfer versteckte man rasch hinterm Rücken). Und ja, Dummheit, blanke Befehlsverweigerung gegenüber dem Zivilisten Assad, zunehmende Destabilisierung, all das ist möglich.

      – Genau das ist doch diese Schizophrenie: Das humanitäre Völkerrecht schließt zivile Opfer nicht aus – und das nennt sich dann aufgeklärte Zivilisation? Das wird nicht hinterfragt? Ich weiß, dass ich derzeit einen extrem pazifistischen Standpunkt einnehme, aber diese ganzen Unterscheidungen halte ich für willkürlich gesetzt und müssen dringend mal hinterfragt werden. Und wie man sieht: Wenn du genug Nuklearwaffen hast, kannst du die Definitionen auch nach eigenem Gutdünken umbiegen. („enhanced interrogation techniques“). Recht ist nach wie vor das Recht des Stärkeren. Das ist meiner Meinung nach übrigens mit ein Grund, warum die UNO bewußt machtlos gehalten wird. Haben die USA ihre Beitragsschulden eigentlich schon bezahlt?

      – Okay, das war dann Verständnisfehler bei mir. Ich habe „einspannen“ und „hereinfallen“ nicht auseinandergehalten – das war für mich eigentlich dasselbe und ich hab nicht mitbekommen, dass du da Unterschiede machst.

      *seufz* unabhängig davon, siehe oben, dass ich immer noch glaube, dass die Zeiger auch in Richtung Rebellen zeigen: Eigentlich isses doch egal. Da sind Hunderttausende Tote, die keiner mehr lebendig macht. Und von den Verantwortlichen sieht sich keiner in der Lage, mal den Hintern an einen Verhandlungstisch zu bewegen. Und skrupellos wie sie sind, nehmen sie die Zivilbevölkerung zum Teil auch noch bewußt als Schutzschild.

      Das ganze ist so widerwärtig und zynisch, man könnte brechen. 🙁

    • Kleiner Exkurs: Die Rebellen in Syrien sind keine homogene Gruppe sondern selbst tief gespalten. Es gibt kleinere Söldnertruppen, die der al-qaida nahestehen und offenbar via Saudi-Arabien finanziert werden.

      Und dann gibt es die FSA, dessen prominenteste Figur der General Selim Idriss ist. Idriss war es auch, der in den Anfangstagen des Bürgerkrieges nach Brüssel gereist ist, um dort Unterstützung gegen den Diktator Assad einzuwerben.

      Dabei ist Idriss selbst jetzt nicht gerade das, was man einen lupenreinen Demokraten nennen kann. *hust*
      Nach dem, was ich extrahieren konnte, waren sowohl Idriss als auch anderen Teilen der Armee der Kurs von Assad viel zu moderat. Insbesondere haben sie die versuchte Öffnung des Landes hin zu mehr Demokratie, die Assad dann auch schnell wieder zurückgenommen hat, kritisiert.

      Sie haben dann wohl versucht, zu putschen. Das war nicht alleine Idriss, aber der zweite ehemalige Armeeangehörige ist zumindest für mich nur schwer auffindbar. Den halte ich aber für gefährlicher, weil der, anders als Idriss, seine ganze Familie an Assad verloren hat. Nach dem Putschversuch hat Assad seine Familie hinrichten lassen, er selbst konnte entkommen und hat die FSA gegründet mit Idriss als Aushängeschild.

      Verdammt, ich muss meine Quellen mehr ordnen. Ich find hier nix mehr. 🙁

  4. „Keins der großen Medien hat diese Schizophrenie mal aufgearbeitet, dass es für die USA offenbar völlig in Ordnung ist, Bomben, Granaten, Mörser und Kugeln auf die Leute hageln zu lassen, aber wenn Giftgas im Spiel ist wird eine imaginäre “rote Linie” überschritten? “

    Wenn die USA sich um Menschen kümmern würde, die zu tausenden von Schusswaffen umgebracht werden, müssten sie Chicago besetzen…

    http://4.bp.blogspot.com/-Q6y1WVcSRoM/Ui5xmOyTRaI/AAAAAAAADeA/SYnLxvi0Y0w/s1600/colbert-syria-chicago.jpg

    Da geht’s nur vorgeblich um Chemiewaffen. Schon Thukydides hat vor über 2.500 Jahren festgestellt, dass man bei einem Krieg zwischen dem (meist vorgeschobenen) Anlass und der eigentlichen (meist ungenannten) Ursache unterscheiden müsse. Gut, mit Sarin mussten die ollen griechen noch nicht auseinandersetzen, aber davon ab sind die Unterschiede marginal; v.a. gilt damals wie heute: Das erste Opfer eines jeden Krieges ist die Wahrheit…

  5. Zwei kurze Zusätze:
    1) Das humanitäre Völkerrecht ist nicht idealistisch (obwohl es wohl wegen seines Namens oft so wahrgenommen wird) sondern zutiefst pragmatisch. Die Regeln der Genfer Konventionen wurden immer in enger Zusammenarbeit mit Staaten und deren Militärs ausgearbeitet. Das Ziel war, dass die Regeln von den Kriegsparteien befolgt werden, nicht dass sie einen moralischen Höchstanspruch erfüllen.
    2) Al-Kaida hatte traditionell das Königshaus der Saud als eines der Hauptziele. Weil sie sozusagen das heilige Land an die Ungläubigen ausgeliefert haben oder so ähnlich. Ich glaube so richtig aktive wurde man tatsächlich in Afghanistan aber das war mehr Mittel zum Zweck (bessere Chance „Ungläubige“ von „islamischem Boden“ zu vertreiben). Rüchzug aller Truppen ist auch immer wieder eine Forderung die sie stellen. Aber inzwischen ist Al-Kaida eh mehr eine Marke/Franchise als eins Organisation im eigentlichen Sinne.

    • 1) Das macht das ja nicht besser. Wäre es nicht mal an der Zeit, das ganze endlich mal auf real humanitäre Füße zu stellen?
      Ja, ich weiß. Aber man wird ja noch mal träumen dürfen – und was das angeht, bin ich in der Tat ein Träumer.

      2) Jo, es ist geradezu erstaunlich, wo derzeit überall „Al-Kaida“ draufklebt. Ich hab allmählich das Gefühl, dass das mehr so eine Art Geschäftsmodell wird für die Kämpfer, die zu alt und zu zynisch geworden sind zum kämpfen. Unter Al-Kaida kann man ja inzwischen eine Menge Ideen finden.

      Nur jetzt die Preisfrage: Was tun in Syrien? Der Weg, der gerade gegangen wird – der führt doch definitiv zu noch mehr Blutvergießen 🙁

  6. es gibt gerade das buch von christopher clarke zum ausbruch des ersten weltkriegs … in den, so seine these, alle irgendwie hineingerutscht sind.

    was mich an der argumentation von ali stört: entschuldige bitte, aber – was macht eigentlich syrien explizit zum ziel unserer empörung? warum haben wir nichts getan, wenn etwa in dafur oder sonstwo in afrika etwas geschieht? tutsi gegen hutu? egal?

    syrien ist ein benzintank und da etwas zu tun, heisst ein streichholz in den tank zu werfen und zu gucken, ob noch genug benzin drin ist. das ergebnis wäre absehbar.

    obamas rote linie ist bullshit. wahrscheinlich bekommen präsidenten der USA am ersten tag einen „republikanerchip“ eingepflanzt, anders kann man sich das nichte erklären, es sei denn es ist so etwas wie zunehmende betriebsblindheit in einem geschlossenen wahrnehmungssituation.

    ist übrigens das erste mal seit ich denken kann, daß ich finde, daniel ohn bendit sollte lieber mal die klappe halten … und das heisst – für mich – eine menge.

  7. @ali: Ich bin mir nicht sicher, ob die Rote Linie gezogen wurde, um Assad Grenzen zu setzen. Vielleicht wurde sie gezogen, in der Hoffnung, dass sie überschritten wird, um ihn wegbomben zu können (oder es zumindest zu versuchen). Und als er es dann nicht selber gemacht, hat man halt nachgeholfen. Ja, das klingt nach wüster Verschwörungstheorie. Ich muss allerdings sagen, dass ich den Geheimdiensten solche Schweinereien mittlerweile ohne weiteres zutraue.

  8. @hardy
    Ich bin mir nicht ganz sicher was dich nun an meiner Argumentation stört. Ich habe hier bisher eigentlich vor allem das humanitäre Völkerrecht verteidigt (und dahinter stehe ich zu 100%) und ausserdem gesagt, dass es mir plausibel erscheint, dass der Sarin Einsatz vom syrischen Regime begangen wurde (aber hier spekuliere ich wie alle anderen auch). Zu den Konsequenzen die man daraus ziehen will oder kann habe ich (zumindest hier) nichts gesagt.

    Ich mag die Pulverfass Analogie normalwerweise nicht. Sie stimmt meistens nicht. Jeder Konflikt hat das Potential sich auszuweiten und ist somit ein Pulverfass. Aber das ist eine andere Diskussion

    @ein anderer Stefan
    Warum die rote Linie gezogen wurde, weiss ausser Obama und ein paar seiner Berater niemand. Vielleicht war es auch ein Nebensatz (wie jener von Kerry, der nun den russischen Plan ausgelöst hat). Ich bin mir ziemlich sicher, dass das weisse Haus eben sehr wenig Lust hatte offen zu intervenieren und ich glaube das wird deutlich wenn man sieht, wie zögerlich gehandelt wurde: Das weiterreiche an den Kongress, die Nein Mehrheit die sich abzeichnete, das anspringen auf den russichen Plan, sind alles Zeichen, dass man es nur sehr ungern machen wollte. Dazu kommt, dass später das Weisse Haus wiederholt zurückgekrebst ist. Darum halte ich hinter der roten Linie einen Vorwand zu intervenieren als unwahrscheinlich (noch dazu weil man damit Assad eigentlich den Entscheid in die Hand gibt).

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