Die 12 Stämme

„Mache dich nie mit einer Sache gemein. Auch nicht mit einer guten.“ Hans-Joachim Friedrichs

Das ist der oberste Satz, dem man eigentlich jedem Journalisten in der Schule einbläuen sollte. Es ist ein eherner Grundsatz, der die Verantwortung der Journalisten auch sehr gut umschreibt: Sie sind Berichterstatter einer Situation, keine Akteure. Und leider verwischen die Grenzen inzwischen vielfach, nicht nur im Boulevard.

Gerade, wenn es um Rechercheergebnisse geht, wenn es darum geht, Misstände aufzudecken, ist dieser Grundsatz der wichtigste, den man beherzigen sollte. Warum ich das voranstelle an den Artikel?

Nun, es gibt eine Reportage, die für die Beteiligten gravierende Folgen hatte, wo das nicht der Fall war. Nämlich der Entzug des elterlichen Sorgerechts von Mitgliedern der Sekte „die 12 Stämme“.

Eins vorweg: Wenn es stimmt, dass diese Kinder geprügelt wurden und zwar mit der Rute. Wenn es stimmt, dass dies der „normale“ Weg ist, dort Kinder zu „disziplinieren“, dann ist der Kindesentzug zu Recht erfolgt. Die Kinder dürfen die nie wiederbekommen. Hiebe mit einer Rute sind schwerste körperliche Misshandlungen und zeigen ein archaisches Verständnis von elterlicher Sorge, das nicht der geistigen Entwicklung dieser Kinder gilt, sondern rein auf Machtdenken und Submission eben dieser Kinder. Ziel ist es, die Kinder so zu „formen“, dass sie nie wieder das Bedürfnis verspüren, auszubrechen. So werden keine Charaktere geformt, so werden Charaktere gebrochen.

Auch die Tatsache, dass sich die Eltern die dieser Sekte angehören, weigern, die Kinder entsprechend dem Lehrplan zu unterrichten (und sich hierbei explizit auf Darwinismus, Evolutionstheorie und Sexualkunde beziehen, das für sie kein angemessenes Wissen für die Kinder ist), hätte schon vor langer Zeit zum Entzug des Sorgerechts führen müssen. Nicht sollen – müssen.

Aber darum geht es hier nicht. Es geht um die Reportage von Wolfram Kuhnigk, die die Razzia und die Inobhutnahme der Kinder überhaupt erst ermöglicht hat. Offenbar haben sich die Behörden auf die Enthüllungen des Journalisten gestützt.

Kurz gesagt, hat sich Wolfram Kuhnigk eine Vita aufgebaut als Rettungsassistent in der Lebenskrise und sich so bei den 12 Stämmen „eingeschlichen“.

Schon von Anfang an konnte man erkennen, dass der Autor etwas finden *wollte*. Selbst Dinge, die man zwar als skurril belächeln kann aber die eben zum anderen Lebensstil der 12 Stämme gehören, wurden von ihm als Kinderquälerei dargestellt.

So betet die Sekte 2x täglich jeweils eine Stunde. Das ganze findet unter Singen, Tanz und Bibellesung statt und dient auch dem Zusammenhalt innerhalb der Gruppe. Der Autor meinte hier, dass selbst die Kleinsten zum Stillstehen gezwungen würden. Eine Behauptung, die von den Bildern, die durchaus zappelnde und umherlaufende Kinder zeigten, nicht gestützt wird.

Er behauptet des weiteren, dass die Kinder auf dem Hof arbeiten müssten. Das wird untermalt mit Bildern von Kindern, die offenbar fangen spielen. An der Stelle habe ich mich dann schon gefragt, ob der Autor glaubte, dass er Bilder durch Beschreibungen so ohne weiteres umdeuten kann. Auch die Beschreibung des Zimmers („eng und karg eingerichtet, musste ich mit einem Aufpasser teilen“) war eher fragwürdig. Die 12 Stämme sind kein Luxushotel, die Sektenmitglieder leben recht spartanisch und wenn sich jemand hilfesuchend an sie wendet, dann kann man davon ausgehen, dass die Zimmer sowie die sanitären Einrichtungen pieksauber sind, aber eher einfach eingerichtet und die Zimmer nur zum Schlafen da sind. Der Tagesablauf ist strikt festgelegt. Viel Zeit, sich in einem Zimmer aufzuhalten, hat man da nicht, also ist ein großes Schlafzimmer bzw. Gästezimmer auch Platzverschwendung. Was man aber – völlig folgerichtig – sieht, sind große Gemeinschaftsräume.

Und wo Kuhnigk für mich endgültig jeden Anschein der Glaubwürdigkeit verloren hatte, war, wie er beschrieb, dass er Videoaufnahmen machte. Er hatte eine Videobrille und hat so die „Vorgänge“ auf dem Hof filmen können. Auch die heimlich erstellten Aufnahmen im Kellerbereich, die zumindest in dem Teil der Reportage, der ohne Bezahlung zugänglich war, zeigten nicht, dass dort Kinder geschlagen wurden. Sondern nur einen Erwachsenen, der mit einem Kind in einem Keller verschwand. Nach allem, was ich gesehen hatte, hätte das auch ein Vorratskeller sein können aus dem man fürs Mittagessen ein paar Konserven holt.

Aber ernsthaft: Eine „heimliche“ Videobrille, die erst den amerikanischen Besuchern auffällt, woraufhin er schnell verschwinden muss und das ganze noch so darstellt, als würde er vor der Mafia fliehen müssen, die im Hintergrund bereits die Betonschuhe anrührt? „Sie sind auf mich aufmerksam geworden und haben Verdacht geschöpft, ich muss hier weg.“ Videobrillen, selbst teure, erkennt man recht schnell als Aufnahmegeräte. Das sind keine normalen Brillengestelle, wo man verbergen kann, was man gerade tut.

Auch dass die Mitglieder nicht misstrauisch wurden, als er sich *immer und immer wieder* nach den Kindern erkundigt hatte und wie die denn gestraft würden, ist alles, aber nicht nachvollziehbar. Die Sektenmitglieder sind religiös verblendet, sie sind fanatisch und stur. Aber die sind nicht dumm.

Was hat denn die Reportage erreicht?

– die 12 Stämme haben Publicity erhalten und können sich gerade hervorragend als vom Staat verfolgt gerieren. Der Mitleidsbonus dürfte denen jetzt ordentlich Unterstützung bringen.

– die Mitglieder, die in die USA auswandern wollen, weil dort Homeschooling möglich ist (anders als hier), werden es jetzt durch diese Razzia sehr viel leichter haben, dort Asyl zu erlangen. Die Familien, die bereits drüben sind und denen die Ausweisung nach Deutschland droht, werden wahrscheinlich dort bleiben können. Die Kinder werden sowohl dem Schulsystem als auch der staatlichen Kontrolle effektiv entzogen.

– Der Autor hat sich als Undercover-Reporter profiliert und kann darauf seine weitere Karriere aufbauen.

– die Kinder sind in Pflegefamilien untergebracht – und es ist fraglich, ob die den fälligen Kulturschock so ohne weiteres überstehen. Es ist nichts darüber bekannt geworden, ob begleitende therapeutsche Behandlung stattfindet.

– wenn die Inobhutnahme gerichtlich angefochten wird (und danach sieht es derzeit aus), kann man davon ausgehen, dass die nicht Bestand haben wird, wenn als einziges Beweismittel für die Schläge diese handwerklich schlecht gemachte und mit einem klaren Ziel erstellte Boulevard-Reportage vorgelegt wird. Und dann kommen Kinder, die möglicherweise zu verschüchtert sind oder eben auch nur zu ihren Eltern zurückwollen, wieder in Verhältnisse, wo sie wegen geringster Verfehlungen geprügelt werden können. Ich halte diesen Teil für wahr – doch etwas für wahr halten und etwas beweisen können sind zwei völlig unterschiedliche Paar Schuhe und vor Gericht gelten nur die Beweise. Diese Reportage ist dafür völlig ungeeignet.

Alles in allem sieht das derzeit für mich nach dem absoluten Super-GAU für die Kinder aus. Sie sind in einer Nacht- und Nebelaktion aus dem Elternhaus herausgenommen worden und das unter vollem Polizeieinsatz. Ich bezweifle, dass man den Kids erklärt hat, warum sie von Mama und Papa weg müssen.

Das ganze basierend auf einer Reportage, die die Mindestanforderungen an eine neutrale, investigative Reportage nicht erfüllt, die, zumindest nach dem, was ich gesehen habe, viele Anschuldigungen enthält, nichts beweist und die dafür im Nachgang dafür sorgt, dass die 12 Stämme nur mehr Publicity bekommen.

Die 12 Stämme sind nach allen Definitionen eine Sekte. Sie sind religiös verblendet und sie sind vor allem eins: Gehorsam dem Ältestenrat gegenüber.

Was, wenn dieser Ältestenrat die unbeholfenen Undercover-Reportageversuche als Chance wahrgenommen hat, sich selbst als Opfer publicityträchtig in die Presse zu bringen? Es sind Kinder vor diesem Zugriff versteckt worden, es wäre interessant zu wissen, WESSEN Kinder dort versteckt wurden und welche Kinder man bereitwillig diesem Zugriff ausgeliefert hat. Die Sekte wusste offenbar, dass dieser Zugriff stattfinden wird – warum sind nur einige Kinder versteckt worden und nicht alle? Wenn sie die Videobrille erkannt haben, wenn sie wussten, dass sie gefilmt werden – dann liegt die Frage nahe, ob und wie Kuhnigk von genau diesem Ältestenrat instrumentalisiert wurde. Ob er das bemerkt hätte in seinem Eifer, die Sektenmitglieder als Prügelfanatiker und systematische Kinderquäler darzustellen? Das darf an der Stelle doch schon sehr bezweifelt werden.

Diese Fragen werden nicht beantwortet. Aber möglicherweise würde das auch die eigene Legende Kuhnigks zerstören, der die Kinder ja angeblich mit seiner Reportage gerettet hat. Dass er eine derartige Selbstkritik an den Tag legt, darf an dieser Stelle auch bezweifelt werden. Ich persönlich glaube das nicht.

Nicht nach diesem elenden Stück Schmierenkomödie.

 

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21 thoughts on “Die 12 Stämme

  1. Jegliche Form von ideologisch oder religiös motivierten Menschenexperimenten, gerade wenn Kinder im Spiel sind, ist scharf zurückzuweisen. Eine lasche Handhabung wäre der Tod der demokratischen Zivilgesellschaft. Auch nach Jahren und Jahrzehnten müssen die Schuldigen zur Verantwortung gezogen werden.

  2. danke, kerstin, interessante post, die den verdacht, der mich beschlich, als ich den kram sonstwo las, bestätigte, daß hier mal wieder die gefühligkeit der „erregungswellenblogosphäre“ und die geilheit auf skandale bedient wird.

    daß damit dem, was an skandlösem und beklagenswerten zu thematisieren wäre, letztlich die spitze genommen wird, ist so einer der seiteneffekte dieser „sündenbock“-rituale öffentlicher debatten.

    • Versteh das bitte nicht falsch. Die Sekte propagiert zumindest in den USA sehr offen, dass Rutenschläge den Charakter bilden und wer sein Kind liebt, gibt ihm die Rute. Das sind S/M-Praktiken, die in der Kindererziehung nichts verloren haben.

      Das und die Weigerung der Sekte, die Kinder in eine ordentliche Schule zu schicken, erfüllt den Tatbestand der Kindesmisshandlung. Ich halte den Eltern zugute, dass die das nicht wahrnehmen können, weil deren Weltbild so dermaßen verschoben ist, dass es wirken muss, als würde man durch ein Kaleidoskop gucken.

      Nichtsdestotrotz ist es eine Form der Vernachlässigung und die Schläge sind Kindesmisshandlung. Und die fortwährende bewußte Verletzung der Schulpflicht alleine hätte ausreichen müssen, dass man den Eltern das Sorgerecht bereits viel früher entzieht. Eltern, die ihre Kinder nicht in die Schule schicken, weil ihnen der Sexualkundeunterricht und die Evolutionstheorie nicht passt sind zur Kindererziehung ungeeignet.

      Das ändert aber nach wie vor nichts an dem Alarmismus dieses seltsamen Beitrages.

  3. kerstin,

    seit es das buch „die geprügelte generation“ gibt, laufe ich durch die foren und mache werbung dafür, weil ich denke, daß dieses land nur zu verstehen ist, wenn man bemerkt, daß es die angst vor schlägen ist, die uns (ältere) – und damit die gesamte gesellschaft – immer noch auf eine subtile art und weise beeinflusst – und ich bin stolz darauf, daß wir (alten säcke, die in den 60ern und 70ern sozialisiert wurden) diese kette der gewalt durchbrochen haben und euch (?) mit liebe erzogen haben. meine drei sind jedenfalls nie geschlagen worden, von mir definitiv nicht. das nur zum besseren verständnis: ich teile deine kritik sowohl am sektentum als auch an gewalt gegen kinder …

    mir ging’s hier ausschließlich um das „skandalisieren“, das befriedigen eines publikums, das sich jeden tag auf kosten eines anderen selbst freispricht von allen selbst gemachten fehlern und dabei keine millisekunde zögert, die taschentücher herauszuholen und pavlows köter zu spielen. alle rennen mit auf der „gedankenautobahn“, alle in eine richtung. da steckt was in uns, was wir nach 70 jahren immer noch nicht losgeworden sind. oder, schlimmer noch, wir werden genau da hin „konditioniert“, mal wieder unisono „skandal“ zu kreischen.

    diese geschichte mit der haasenburg, um die es in meinem post (erregungswellenbloggosphäre) geht, zeigt mir nur, daß niemand auch nur eine sekunde weiter denkt und hinterfragt.

    das hast du hier getan und ich fand’s bemerkenswert, that’s all 😉

    aber, das hast du hoffentlich bemerkt, ich könnte das bei vielen deiner posts tun, auch bei dem über syrien, aber – manchmal muss man auch sehen, was _nicht_ ist, ich halte mich hier definitiv zurück – auch mit lob, um nicht allzu „altväterlich“ zu wirken 😉

    • Och. Bauchpinseln ist toll 🙂
      Ich steh drauf *g*

      Die Haasenburg sehe ich da übrigens durchaus zwiespältig. Wenn Kinder mit DER Begründung aus einem Heim abhauen und deutliche Angst zeigen, wenn es heißt, sie müssen wieder zurück, dann ist was faul im Staate Dänemark. Und das sind nicht die Kinder.

      Das Problem in solchen Heimen ist meist die Struktur. Die Pädagogikkräfte sind nahezu gottgleich, die Kinder ihnen völlig ausgeliefert – keiner wird einem schwer erziehbaren Kind glauben, dass es misshandelt wird. Es wird *immer* angenommen werden, dass es die „Disziplin nicht anerkennen will“.

      Die Haasenburg-Heime sind zudem sehr abgeschottet. Und genau das ist die verhängnisvolle Mischung, die den taz-Artikel glaubwürdig machen. Da sind allmächtige Angestellte, die Kinder „erziehen“ sollen.

      *GENAU* nach dem Muster sind die Missbrauchsfälle in den Klosterschulen der katholischen Kirche entstanden. Es war die strikte hierarchische Struktur und die Abgeschlossenheit. Es gibt soziale Experimente, die imho alle abgebrochen werden mussten, weil selbst engagierte Menschen in dieser Situation sadistisch werden und „ihre“ übernommene Aufgabe mit allen Mitteln zuende gebracht haben – und wenn sie ihre Schützlinge dazu brechen mussten, haben sie sie gebrochen.

      Die Muster und Strukturen sind bekannt, sie sind reproduzierbar und Menschen sind – leider – nun mal so. Ich wüsste zum Beispiel nicht, wie ich mich in dieser Situation verhalten würde.

      Darum halte ich den taz-Artikel für emotionalisierend aber durchaus gut recherchiert.

      Und diese unglaublich schlechte Reportage nur für skandalisierend – da sind wir einer Meinung 🙂

      • kerstin,

        wenn du dir die mühe gemacht hast „das rollkommando des lvr“ zu lesen, weisst du: ich stecke da seit 14 jahren drin, mein mir anver/getrautes weib ist auch eine dieser bösen erzieherinnen und arbeitet an der „last frontier“ 😉

        okay, heute baut sie mit den kids möbel – also deren selbstvertrauen auf …

        ich habe also naturbedingt eine differenziertere betrachtung, die man bekommt, wenn man – wie ich – mit den kids über jahre zusammen gewohnt und gelebt hat. was die leute von der taz nicht getan haben … sie hören halt die berichte, die die kids geben und … naja, bei uns sind auch ständig kids abgehauen. aus denen, die geblieben sind, und ihre fehlprogrammierung verstanden haben, ist „etwas geworden“.

        was willst du machen, wenn einer mit einem messer oder einer mistgabel auf dich zurennt? ich bin ein alter hippie, aber, naja, ich habe auch schon auf einem gekniet und ihn fixiert …

        womit ich nicht konkret die politik der haasenburg verteidigen will, da bin ich nicht kompetent, ich stecke nicht drin.

        offensichtlich aber alle, die sofort die taschentücher ausgepackt haben …

        darum ging es mir: nachdenken, nachfragen, nicht sofort in eine richtung rennen, damit man sich als „guter mensch“ fühlen kann. hauptsache die anderen machen still und leise die drecksarbeit und lassen sich dann auch noch diffamieren …

        ich denke, im kern geht es dir um ähnliches.

        ps: das internat, in dem meine frau arbeitet ist immer noch offen und die haasenburg auch. weil es einrichtungen dieser art geben muss, weil … naja, andere ihren job nicht machen, ihre kinder zu erziehen …

        • Hardy, ich unterscheide sehr fein zwischen dem Internat, das du beschrieben hast und der Haasenburg.

          Verbote, aus dem Fenster zu gucken (wird ja nicht mal bestritten), stundenlanges Stehen in der Mitte eines Raumes, das Verbot, sich zu setzen, stundenlange Fesselungen mit einnässen und einkoten… Nahrungsentzug: Das ist das, was ich beschrieben habe und das ist etwas, was die Kinder der Haasenburg übereinstimmend erklärt haben.

          In deinem Internat bzw. dem deiner Frau, haben sich die Kinder für den Erhalt eingesetzt. Also die Internats-Kinder haben sich dort wohl und sicher genug gefühlt, dass sie dableiben wollten.

          Bei der Haasenburg wirst du solche Stimmen nicht finden.

          Du siehst den Unterschied?

          • ich sehe den unterschied, kerstin … und die vergleichbaren reaktionen. wie gesagt, ich stecke nicht drin und maße mir nicht an, sofort zu wissen, daß alles, was kinder erzählen, auch wahr ist.

            bei uns hat ein jugendlicher eine aussage gemacht, in der die schulleiterin ihn in einem folterkeller in dominakleidung über 24 stunden gefangen gehalten, ihn dort ausgepeitscht und missbraucht hat. womit ich nicht äpfel mit birnen vergleichen will, aber es gibt halt immer zwei sichtweisen.

            ich kenne leider nicht die der leute, die in der haasenburg arbeiten und projeziere da sicher ein bißchen. was ich aber sehe: das heim ist immer noch auf und das gibt mir dann doch zu denken.

            um aber auf dein thema zu kommen und hier nicht zu stark zu „derailen“ *g*: wir sind uns auf jeden fall einig, daß strafbares eben strafbar ist. und wir sind uns einig, daß wir heute durch die ewig gefrässigen medien mit „skandalen“ gefüttert werden, die sich bei genauem hinsehen nicht als das entpuppen, was man bei ersten impuls zu sehen glaubt. dann ist aber oft ein nicht wieder gut zu machender schaden entstanden.

            • Richtig. bei euch hat *einer* diese Aussage gemacht. Bei den Haaseburgern waren das übereinstimmende Aussagen *mehrerer* Kinder unabhängig voneinander.

              Bei euch haben die Eltern gesagt: Die Kinder sind in guten Händen. In der Haasenburg sagen die Eltern: „Oh Gott, was haben die mit meinem Kind gemacht?“

              Das hat ein ganz anderes Gewicht.

              Warum das Heim noch auf hat, kann man auch recht leicht aus dem taz-Artikel ableiten: Das zuständige Jugendamt ist da recht stark….involviert. Da sind irgendwelche familiären Bindungen, soweit ich das sehe, ich müsste das aber nochmal nachlesen.

              Den Skandalisierungswahn sehe ich genauso kritisch wie du auch. Man muss immer lauter schreien, denn nur wer laut schreit, wird auch gehört – die leisen Stimmen, die aber sehr viel mehr zu sagen haben, gehen da leider unter.

              Das sind aber auch wir alle – denn wir hören diesen Brüllaffen zu. Und das ist durchaus etwas, was man vielleicht mal ändern könnte.

              Unabhängig davon halte ich den Entzug der Kinder aus der Sekte für durchaus gerechtfertigt. Nur fürchte ich, dass das vor Gericht keinen Bestand hat. 🙁

              • [..] jugendamt

                bei uns ist es eine person im lvr, der immer noch einen kleinen privatkrieg führt mit allem, was geht …

                [..] wir hören diesen Brüllaffen zu.

                kerstin, das mag jetzt anmaßend klingen: ich nicht.

                ich höre radio (seit uwe in die badewanne stieg), alle positionen, auch die, die mir nicht passen, wäge ab … und dann lese ich.

                ich bin da irgendwie ganz weit „draussen“ und, naja, „abgeklärt“, wie man halt so drauf ist, wenn man dem sensenmann von der schippe gehopst ist und nicht mehr allem „wichtigkeit“ zumißt.

                sowas wie den spiegel per se nur in klitzekleinen dosen, da hatte ich schon 2005 ne ziemlich klare meinung und sah „hassprediger aust im türkischen bad“.

                [..] Entzug der Kinder aus der Sekte

                heute sind sie in der falschen sekte, morgen trinken die eltern zu viel alkohol (schweden), übermorgen haben die eltern 1981 mal einen dummen wisch presserechtlich zu verantworten …

                für mich klingt das zu sehr nach sündenbock … was ist mit den vielen eltern, die ihre kinder verwahrlosen lassen und erst auffallen, wenn die an einem bahnhof einen zu tode trampeln lassen?

                versteh mich nicht falsch: ich bin auch dafür, daß dem, was da passiert ist, nachgegangen und gehandelt wird … aber es löst nicht, wie diese gesellschaft immer noch tickt, wenn sie ihre kinder als notwendiges übel begreift. ganztagsschulen und eine gezielte förderung von lern- bzw. sozial schwachen fände ich ganz nett.

                aber: wir haben wichtigere probleme – hat da einer einen stinkefinger gezeigt? (katzenphoto ahead!)

                • Du nutzt da gerade Strohmann-Argumente. Nur weil ich es für richtig halte, dass den Sekten-Eltern die Kinder entzogen worden sind, halte ich es nicht für richtig, dass die Eltern, die ihre Kinder verwahrlosen lassen, diese behalten. Im Gegenteil. Auch hier: Hilfen anbieten, wenn die nicht angenommen werden: Kinder raus.

                  Wir verlieren jedes Jahr ganze Kindergenerationen an die Hoffnungslosigkeit – weil sie in Verhältnissen leben müssen, die nicht annähernd normal sind. Sie werden misshandelt, missbraucht und wir gucken nach wie vor weg. Trotz Runder Tische, trotz irgendwelcher großen Ansagen der Politik.

                  Es ist alles so zum kotzen – aber mach nicht den Fehler, nur weil ich eine Sache gutheiße, dass ich andere deswegen aus dem Auge verliere oder damit gut klarkomme.

                  Jedes Kind verdient es, in Sicherheit aufzuwachsen. Jedes Kind verdient Liebe und Fürsorge.

                  Es ist hier *eine* Sache herausgepickt worden – und hier war noch nicht mal der Schwerpunkt auf die 12 Stämme, das war nur eine weiterführende Erklärung. Der Schwerpunkt lag für mich auf die unglaublich schwache Reportage und die schwerwiegenden Konsequenzen, die sie hatte.

                  Das ist nichts, um drauf stolz zu sein – Reporter sind im Regelfall keine Hobbydetektive mit Videobrille und versteckten Aufzeichnungen. Das war abenteuerlich – und den Kindern hat er damit wahrscheinlich einen fürchterlichen Bärendienst erwiesen.

                  • es wird eng am rechten rand …

                    [..] Nur weil ich …

                    hey, bloß nicht falsch verstehen:

                    wie gesagt, ich habe drei töchter, alle drei als wilde kleine hippieprinzessinnen aufgewachsen … so viel gelebte nacktheit wäre unter heutigen maßstäben wahrschenlich schon ein grund, daß der eine oder andere bedenklich die nase rümpfen würde und … darin sind wir als gesellschaft ja durchaus „meister“ … projezieren würde was das zeug hält. man sieht ja den inneren schweinehund am liebsten im anderen …

                    nun ja, sie werden wohl keine bücher über eine in müsli ertränkte kindheit schreiben. eher, wie es ist, wenn der dad mit einem „buffy“ guckt … ein durch und durch fröhlicher anarchistenhaufen, zwei im studium, eine vor’m abi.

                    ich stelle mir halt vor, wie das wäre, wenn der staat sich damals in meine art, mit den kids umzugehen, eingemischt hätte …

                    ich denke, daß ein bißchen auch diese „projektion“ hier mit hineinspielt und … naja, bevor die kinder selbst erzählen, was ihnen passiert ist, bin ich weiter skeptisch und frage mich, in wie weit hier auch auf druck der medien unüberlegt und brachial gehandelt und geurteilt wird.

                    ich frage mich auch, was das bei den kids anrichtet, da jetzt heraus gezerrt zu werden und kann mir vorstellen, daß da ein unrecht auf ein anderes gehäuft wird. weil, naja, kinder lieben in der regel ihre eltern … auch dann, wenn die sich als volloschis aufführen. ihre zerbrechlichen und ggfl. verwundeten seelen muss man nun nicht auch noch dadurch belasten, daß man es der presse recht machen will.

                    versteh‘ also bitte meinen einwand nicht als (Strohmann)-„argument“, ich will dir nix beweisen – schon gar nicht, daß ich „recht“ hätte und du „irrst“. es sind halt so gedanken, die ich mir mache, wenn ich versuche, das „einzuordnen“ und mir vorstelle, wohin das führen könnte.

                    im grunde sehen wir die dinge (sehr) oft (sehr) ähnlich – ich lese ja fleissig mit – und ein gespräch funktioniert eben in der regel nur dann gut, wenn beide an den rändern kratzen 😉

                    kleines ps: ich gehöre zur „geprügelten generation“ und habe den rohrstock noch in der schule regelmäßig abbekommen und nicht nur da. ich bin auch in einem stark religiösen umfeld großgeworden (meine „sekte“: ein katholisches redemptoristeninternat, war unlängst wegen „missbrauch“ im gerede, vor oder nach meiner zeit, definitiv) aber, naja, in mir hat das nur den rebellen (gut humanistisch geschult, danke liebe redemptoristen-„sekte“) herausgekitzelt …

                    diese art indoktrination kann also auch ziemlich in die hose gehen.

                  • Die Vorteile des Admins: Ich kann noch 😛

                    ich stelle mir halt vor, wie das wäre, wenn der staat sich damals in meine art, mit den kids umzugehen, eingemischt hätte …

                    Ich verstehe das. Aber es gibt in einer Gesellschaft einige Konventionen, die man durchaus hinterfragen kann, aber wo man irgendwo mal sagen muss: Hier ist Schulz. Du hast deine Kids zur Schule geschickt, sonst hätten sie kein Abi bzw. würden studieren.

                    Übrigens ist es gerade bei strenggläubigen Evangelikalen (also Protestanten *sehr* grob gesagt) die Prügelstrafe nach wie vor recht verbreitet. Die 12 Stämme sind da eher der Regelfall. Je fanatischer die Christen sind umso eher greifen sie auch zur Rute (und das meine ich nicht im übertragenen Sinne).

                    Du extrapolierst von dir auf andere. Ja, bei dir wäre das falsch gewesen – das heißt aber nicht, dass es bei anderen auch falsch gewesen wäre. Deine Erfahrungen waren in einer bestimmten Richtung – das heißt aber nicht, dass es woanders genauso ist.

                    Übrigens sind die 12 tribes in den USA sehr offen, was die Prügelstrafe angeht. Der Gründer verteidigt sie vehement und ist sogar bereit, dafür in den Knast zu gehen. Die Frage, ob die prügeln, hat sich für mich nie gestellt. Nur *beweisen* muss man es können und das ist bei den streng abgeschotteten Sekten immer schwierig.

                    Trotzdem hilfts nichts, wenn man sich dann auf so ein Stück schlecht recherchierten Mist stützen muss. 😛

                    Und die von dir beschriebene Art der Indoktrination hat *dich* zum Rebellen gemacht (das ist übrigens eine Form der Misshandlungskompensation), andere bricht es. Es gibt aus den Internaten und den Kinderheimen Menschen, die so entsetzlich gebrochen sind, dass sie nie wieder hoffen können, ein normales Leben zu führen. Diese Menschen werden von uns mit Verachtung angesehen, weil sie drogenabhängig sind, alkoholabhängig, Medikamentenabhängig oder weil sie vom Opfer zum Täter werden.

                    Diese Spirale ist es, die durchbrochen werden muss – dringend. Und wenn man dazu Kinder aus den Familien nehmen muss: So sei es.

                    Voraussetzung muss aber sein: Die Kinder werden misshandelt und bei den 12 Stämmen kam ja noch die Weigerung hinzu, dass sie die Kinder in die Schule schickten. Das sind übrigens nachvollziehbare Tatsachen, das sind keine Gerüchte oder ähnliches. Gerade diese Sekte hat das sehr offen formuliert.

  4. [..] Du extrapolierst von dir auf andere.

    aber ja doch 😉

    ich kann nur von mir reden, das ist die einzige person, deren erfahrungen & fehler und den erkenntnissen daraus ich wirklich kenne.

    da du ja im wesentlichen „recht“ hast und mich im grunde nicht überzeugen müsstest – ich äußere halt „bedenkenswertes“ und versuche, die aus meinem kleinen erfahrungsschatz zu begründen. wie gesagt: verstehe es nicht als widerspruch, als ein entweder/oder. so ist es nicht gemeint, eher als ein „es gibt da auch noch diesen und jenen aspekt, der die sache verkompliziert …“

    für mich schließen sich unsere gedanken nicht gegenseitig aus, ich nehme das, was du sagst, als erweiterung meines horizonts oder wissens. weil letztendliche antworten auf die vielfältigen dilemmata halt immer schwer zu finden sind, unsere neigung, die dinge vereinfacht zu sehen, aber andererseits überdimensioniert, geraten wir immer in paradoxieen oder ertrinken in .

    • verstehe es nicht als widerspruch, als ein entweder/oder. so ist es nicht gemeint, eher als ein “es gibt da auch noch diesen und jenen aspekt, der die sache verkompliziert …”

      Das Problem an einem Blogeintrag ist: Der muss *relativ* kurz gehalten sein. Ich schreibe schon relativ lange Wall of Texts, aber ein Blog hat in der Artikellänge eine Kapazitätsgrenze. Darum schreibe ich zu einem Thema auch oft mehrere Einträge, um so die Facetten aus meiner Sicht zu beschreiben. Syrien ist da ein gutes Beispiel.

      Wie gesagt, ging es in diesem Fall aber eben nicht primär um die 12 Stämme, sondern um die Reportage. Die Kritik wäre an jeder anderen Reportage exakt genauso ausgefallen, weil sie meiner Meinung nach handwerklich einfach schlecht war.

      Die Diskussion über die 12 Stämme erübrigt sich eigentlich an der Stelle – das war lediglich eine Art Hinweis, wo ich bei dem Thema stehe, aber nicht Kern des Artikels. 😉

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