Black does not equal fear

Trayvon Martin war eine Zeitlang ein recht großes Thema hier. Der arme Junge, der nur Skittles holen wollte und dann von dem Mitglied einer Bürgerwehr („vigilante“) erschossen wurde.

Er wurde nur 17 Jahre alt.

Ich habe Freunde in den USA, die ich sehr schätze und respektiere. Sie wohnen im Süden, in Tennessee, einem der „restrikteren“ Staaten dort. Der Umgang mit der schwarzen Bevölkerung, ich kenne ihn nur zu genau. Denn meine Freunde dort sind schwarz.

Ich war im vergangenen Jahr genau zu der Zeit dort, als der Fall Trayvon Martin gerade hochkochte. George Zimmerman, ein Mitglied der Bürgerwehr, hat entgegen der Anweisung der Leitstelle die Verfolgung des Jungen aufgenommen und damit eine Gewaltspirale ausgelöst an deren Ende ein 17jähriger Junge tot am Boden lag. Erschossen von seinem Jäger. Diese Gewaltspirale hätte zu jeder Zeit verhindert werden können, wenn George Zimmerman auf die Leitstelle gehört hätte, denn Polizei war unterwegs.

Doch dieser Fall war kein Schlaglicht auf einen Einzelfall. In den USA gibt es viele Trayvon Martins. Der Fall ist auch insofern untypisch, als das er von den Medien aufgegriffen wurde. Wenn überhaupt, hat er ein Schlaglicht auf das „Stand your ground“-Gesetz geworfen, dass im Grunde genommen die Legalisierung eines Mordes ist.

Denn in den USA, und gerade im Süden, ist die Situation schwarzer Teenager verzweifelt. Ich habe mich dort viel mit den Leuten unterhalten, weil deren Lebensrealitäten so weit weg von meinen sind. Und immer wieder Geschichten von Schießereien, von Mordfällen, die nicht aufgeklärt werden, weil die Polizei kein Interesse daran hat. Weil sie unterbezahlt, personell unterbesetzt ist und die paar Leute, die da noch arbeiten, mehr eine Schutzinstanz für die Reichen sind. Weil die mehr Ärger machen, wenn ihren Kindern was passiert.

Die Armen und bis zu einem gewissen Teil auch der Mittelstand hingegen sind ungeschützt. Und anstatt die Polizei-Einheiten wieder auszubauen, setzt man dort (übrigens exakt wie hier auch) auf Überwachungstechnik, um die Täter zu finden. Theorie: Wenn kein Ort mehr ungefilmt ist, gibt es keine Verbrechen mehr.

Diese Theorie ist falsch, hindert die Verantwortlichen aber nicht daran, Millionen in eine Überwachungstechnik zu stecken anstatt in das Personal um die Menschen zu schützen.

Auf meine Frage, wieso denn gegen diese Zustände keiner protestiert, warum es Fälle wie Trayvon Martin braucht, damit mal so etwas wie Bürgerproteste aufkommt, kam eine Antwort, über die ich nach wie vor nicht hinweg bin:

„Das können wir nicht. Wir haben zuviel damit zu tun, unsere Kinder auch nur am Leben zu erhalten. Gangs, Nachbarschaftsstreitigkeiten, der Einkauf im Supermarkt, der Gang zur Schule, ja, selbst im Bett zu liegen und zu schlafen oder am Schreibtisch zu sitzen und Hausaufgaben machen kann tödlich enden. Unsere Kinder machen oft keine Pläne über das 21. Lebensjahr hinaus, weil sie einfach nicht mehr erwarten, überhaupt so alt zu werden. Sie bekommen so früh Kinder, damit sie überhaupt Kinder bekommen.“

Und ich übertreibe an dieser Stelle nicht. Ich habe viele Augenzeugenberichte gehört. Von Eltern, die nachts von Schüssen geweckt wurden und das Kind tot im Bett fanden. Erschossen von Klassenkameraden, mit denen es am Tag zuvor Streit hatte. Von jemandem, der sein Enkelkind tot am Schreibtisch fand, durch das Fenster von einem Unbekannten erschossen. Warum? Konnte keiner sagen. Wer? Auch nicht. Es gibt nur ein Grab, eine Kugel, keinen Täter. Und keinen Aufstand.

Nur grenzenlose Trauer.

Meine Freundin Neely hat selbst mehrere Familienmitglieder verloren. Ihr ältester Enkelsohn wurde erschossen, als er aus der U-Bahn kam. Er geriet in eine Schießerei, er war völlig unbeteiligt. Das hat die Kugel, die ihn traf, allerdings recht wenig interessiert.

Es betrifft in erster Linie Schwarze, weil viele von ihnen „bildungsfern“ sind, arbeitslos und als „Schmarotzer“ an der Gesellschaft angesehen werden. Die Kinder werden oft wegen Nichtigkeiten mit der Polizei nach Hause geschickt oder gleich in die schuleigenen Gefängnisse überführt, wo sie dann mehrere Tage bleiben müssen, bevor sie wieder nach Hause können. Die Eltern, in solchen Fällen nur selten fähig, sich angemessen auszudrücken, wissen oft nicht, wo ihre Kinder sind. Die Schule gibt keine Auskunft und diese Schulknäste sind privat organisiert, sie müssen gefüllt sein, damit sie Gewinn abwerfen.

Das schwarze Amerika, das ich kenne, hat die filmischen Dystopien der 80er inzwischen überholt. Die Infrastruktur ist schlecht bis nicht vorhanden, der Staat zieht sich aus allem zurück, wird immer mehr zum Nachtwächter – auch um Geld für Kriege freizumachen und um Firmen und Reiche weiter zu „entlasten“.

Immer mehr wird privatisiert dort. Die Infrastruktur ist es längst und man merkt es. Der intensive Chlorgeruch aus den Leitungen beweist es, denn die Leitungen sind längst nicht mehr stark genug, um eine Verkeimung durch Hochdruck und hohe Fließgeschwindigkeiten zu verhindern.

Und auch andere staatliche „Leistungen“ werden zunehmend privatisiert. Der Strafvollzug, eine der ersten Leistungen des Staates, wird gerade in südlichen Staaten in private Hand gegeben. Diese Knäste müssen voll sein, sonst rentieren sie sich nicht. Nur falls sich jemand fragt, warum die USA bereits sehr junge Menschen für viele Jahre einsperrt. Die bringen den Investoren, die in diese Gefängnisse investiert haben, bares Geld.

Es gibt den Kids-for-cash-Skandal dort, der ausnahmsweise mal aufgedeckt wurde. Nach dem was ich dort gesehen habe, gibt es noch viele Richter mehr, nicht nur diese beiden.

Und hier so? Xenophobie ist keine amerikanisches Alleinstellungsmerkmal. Rostock-Lichtenhagen oder ganz neu: Berlin-Hellersdorf sind Stichworte, die zeigen, dass auch bei uns der Fremdenhass noch tief verwurzelt ist.

Gerüchte, Vorurteile, etwas „was ja schließlich jeder weiß“ – das nämlich Zigeuner nicht bildungsfähig sind, dass ihre Kultur auf Diebstahl beruht und dass sie natürlich – natürlich – nicht arbeiten wollen.

Genausowenig wie Arbeitslose arbeiten wollen oder wie die Asylanten, die in unsere Sozialsysteme einwandern wollen.

Bah. Die USA haben ein Problem mit Rassismus, ja.

Aber wir auch. Zeit, dass wir mal anfangen, Terrain von den ewiggestrigen Dumpfbacken zurückzuerobern.

Denn einfache Antworten auf schwierige Fragen deuteten schon immer auf Rattenfänger hin.

Um den Bogen zur Überschrift zu ziehen: Black does not equal fear.

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Soziales

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9 thoughts on “Black does not equal fear

  1. Das ist nicht entstanden, weil ein paar Politiker sich dachten „Hey, lasst uns mal die Schwarzen und Latinos mehr unterdrücken.“ Und keiner hatte die Idee die gesammte Infrastruktur verfallen zu lassen (d.h. zu privatisieren) weil sie ja eh keiner braucht.

    Das hat sich Schritt für Schritt entwicklelt. Und niemand hat sich beschwert. Scheint mir unrealistisch das die Bevölkerung plötzlich ihr Interesse an Wandel entdeckt und entsprechende Politiker wählt.

    Und wie weit würde wohl ein Politiker kommen, der erklärt, es gäbe Probleme mit gewissen Minderheiten? Statistiken, nach denen gewisse Minderheiten mehr Strafttaten begehen schiebt man einfach als rassistisch zur Seite. Darüber darf niemand reden. Das solche Probleme viel tiefer wurzeln, zB in mangelnder Bildung und daraus resultierend geringen Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Dazu so etwas zu erklären kommt keiner bevor, er oder sie nicht schon aus seinem Amt gekegelt wurde.

    • Ich hab erst kastrierter Wal gelesen *g*

      Schnubbel, ja, das hat sich über eine lange Zeit hin entwickelt. Weil keiner aufgewacht ist. Selbst jetzt wacht kaum einer auf. Hast du dir mal Detroit angesehen? Oder andere Städte dort? Die sehen aus, als wären die abbruchreif. es gibt ein Downtown, das ist aufgemöbelt, aber die meisten Suburbs sehen aus wie frisch aus dem Krieg. Verlassene Häuser, ganze Straßenzüge stehen leer.

      Die Leute sind irgendwo, aber keiner weiß genau wo. Manche mussten in Trailerhomes „umziehen“, andere campen im Wald, weil sie kein Zuhause mehr haben. Niemand wird genau wissen, wie viele im Winter sterben, du findest in den tiefen Wäldern nur irgendwann die Leichen.

      Oder auch nicht.

      Und dein Erklärungsansatz ist falsch. Statistiken, nach denen gewisse Minderheiten mehr Straftaten begehen werden von den von dir genannten Politikern als Alleinstellungsmerkmal gesetzt. Das heißt, die zeigen auf die Statistik und sagen „unbelehrbar“ oder „nicht integrationswillig“. Die Gründe, nach denen das so ist werden ja auch nicht in einer Statistik erfasst. Sondern das sind dann die Soziologen, die das herausfinden – und auf die kaum einer hört, weil das solche Weicheier sind.

      Aber wenn du so eine Statistik alleine als Beweis für die „höhere Strafanfälligkeit“ nutzt, dann bist du ein Rassist, da beißt die Maus keinen Faden ab. WEnn du die Statistik nutzt und forderst, doch mal die Misstände abzustellen, bist du keiner. 😉

  2. Eines schönes Tages wird es auch hier soweit kommen, nicht heute, nicht morgen, aber sicher; wir sind auf dem besten Wege dahin.

  3. Das ganze Wohnblocks leer stehen ist leider einafch zu erklären. Die Mieten steigen, keiner kann sich das mehr leisten und man lässt die Bude lieber leer als die Miete zu senken. Leeres Haus in der Nachbarschaft senkt den Wert von Immobilien und schwupps senkt sich die Rampe.

    • Das gilt nur für Deutschland. Noch nicht mal für ganz Europa.

      In den USA sind das keine Mietwohnungen. Mietblocks, so wie du sie von hier kennst, also Mehrfamilienhäuser mit Mietwohnungen gibt es dort nur ganz selten. Condos, also Eigentumswohnungen, schon häufiger. Dort ist es normal, dass die „Miete“ im Abtrag eines Hauses besteht. Eine Mietwohnung, so wie z.b. in Ballungsgebieten wie New York haben meist nur die wirklich Armen, die nirgendwo mehr Kredit kriegen.

      Darum ist der Immobilienmarkt da ja auch so gecrasht. Die Häuser gingen teilweise zu irrwitzigen Preisen übern Tisch, das stand in keinem Verhältnis zur Qualität des Hauses. Das betraf vor allem die Ballungsgebiete. Und dann kam ne Wirtschatskrise. Die Leute verloren ihre Arbeit und dann verloren sie ihre Häuser. Und da es eben kaum genug Mietwohnungen gibt, die Banken die Häuser lieber leerstehen ließen als sie zumindest bewohnen zu lassen, so dass sie nicht völlig verfallen, gibt es in den Städten jetzt überall Leerflächen mit Rasen mitten in Siedlungen. Die Leute? Weg. Niemand weiß, wo.

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