Schockierende Wahlwerbung

Ein Politiker, der in Lack- und Leder lasziv posiert? Ein MÄNNLICHER Politiker? SKANDAL!!!

Aber die Kampagne ist cleverer als man auf den ersten Blick glauben mag.

Jedem das seine. Es gibt Menschen, die stehen auf BDSM. Es gibt Menschen, die tun das nicht. Was haben sie gemeinsam?

Die Antwort auf diese Frage gehört zur ureigensten Privatsphäre.

Ali Utlu mag Lack und Leder. Und als ich das Bild das erstemal gesehen hab, hab auch ich mit einer Mischung aus Entsetzen und Faszination reagiert.

Aber denkt mal kurz nach – Ali hat recht.

Privatsphäre, dazu gehört auch, dass solche Bilder auf der eigenen Festplatte bleiben, unangetastet von Voyeuren, Verzeihung, Geheimdiensten. Es sind persönliche Bilder, die man machen darf. Und man darf sich auch darauf verlassen, dass keiner Vorteile aus der Veröffentlichung zieht. Denn die Veröffentlichung solcher Bilder zur richtigen Zeit kann durchaus dafür sorgen, dass die Karriere eines Politikers mit einem Schlag zuende ist.

Das ändert nichts an der Tatsache, dass er seine sexuellen Präferenzen ausleben darf, wenn er das gerne möchte und dass ändert vor allem nichts an der Fähigkeit eines Menschen, Politik zu machen.

Diese Privatsphäre ist es, die uns allen genommen wurde. Wir alle haben irgendetwas auf den Datenträgern, was wir lieber nicht öffentlich sehen wollen. Wir haben Punkte, die wir für uns behalten wollen, weil wir darauf angewiesen sind, dass die Öffentlichkeit ein bestimmtes Bild von uns hat.

Es liegt aber nicht mehr an uns (und möglicherweise unserer Schusseligkeit), ob und wann diese Punkte rauskommen. Das ist uns ebenso genommen worden wie die Wahl zwischen Freiheit oder Angst (siehe unten).

Die Geheimdienste, bist du einmal im Fokus gelandet, sind diejenigen, die entscheiden, ob, wann, wo und wie etwas veröffentlicht wird, was du nicht veröffentlichen möchtest. Wenn du vernichtet werden sollst, dann wirst du vernichtet und du kannst nichts mehr dagegen tun.

Alis Schritt ist der richtige, denn er zeigt demonstrativ: Jeder hat etwas zu verbergen. Jeder hat ein Anrecht auf Privatsphäre.

Und mit dieser Kampagne, die exhibitionistisch ist, wird sehr deutlich gezeigt, wie sehr alle unsere Seiten inzwischen ans Licht gezerrt wurden. Vor Augen, die kritisieren, die ständig überprüfen, ob wir uns noch konform verhalten oder schon „Gefährder“ sind, wie es im Neusprech heißt.

Denn „Gefährder“ kann man jederzeit werden. Es braucht dazu nur einen kurzen Pinselstrich. „Gefährder“ sind keine Straftäter, denn sie haben nichts getan. Sie werden nur als potenziell bedrohlich angesehen.

Derzeit landen „Gefährder“ in einer „Gefährderdatenbank“. „Nur“.

Aber der nächste Schritt, die „Auslöschung“ des „Gefährders“ um die „Gefahr“ die von ihm ausgeht – egal wie konkret sie möglicherweise ist, zu bannen, ist leider sehr klein. Und zumindest von den USA wurde er mehrfach im Rahmen der Drohnenkriege beschritten, wenn „Terrorverdächtige“ ohne Prozess mit einem Drohnenschlag ermordet wurden.

Und bin ich der einzige, der sich fragt, was in einer Welt falsch läuft, wo China und Russland zusammen auf der richtigen Seite stehen?

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Soziales

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5 thoughts on “Schockierende Wahlwerbung

  1. *G* – Ich hab‘ auch erst 2x hinschauen müssen…

    Und von wegen Thema „Gefährderliste“ – die Reichspolizei im 2. Reich und in der Weihmarer Republick haben die sogenannte „rosa Liste“ mit Schwulen (ob Lesben weiß ich nicht) geführt. Als dann Hitler an die Macht kam, hatten die NAZIs gleich alles Notwendige, um „Abartige“ (also deren Gegenstück zu unseren „Gefährdern“) den KZs, Gaskammern und Kastrationsprogrammen zuführen zu können…

  2. Jeder kann als Gefährder gelten, es reicht manchmal schon eine unbedachte Äußerung, ein versehntlich angewählter Link, der Aufenthalt an einem bestimmten Ort, womöglich zu einer bestimmten Zeit, am besten sind auch noch bestimmte andere „Gefährder“ in der Nähe dieses Ortes, vielleicht ist man auch noch mit einem bestimmten Verkehrsmittel an besagten Ort gelangt oder hat auch noch bar bezahlt, eventuell sogar passend!
    Und wehe, man trägt dann eine Lederjacke, am besten noch eine Lederhose dazu, einen Helm in der Hand.

    Und wenn dann einer furzt…

  3. Noch bevor ich den Link angeklickt hatte, ahnte ich welches Gesicht mich erwarten würde ^^. Ich hatte richtig getippt.
    Seit ich durch deinen Blog auf seinen Twitteraccount gestoßen bin, lese ich diesen regelmäßig und bin daher nicht überascht, von dieser Art von Plakat. Das Plakat empfinde ich als gelungen und hoffe es wird einige zum Nachdenken anregen.

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