Der missbrauchte Missbrauch

Wir haben Wahlkampf. Leider. Woran man das merkt?

Landauf Landab fühlen sich wieder Politiker bemüßigt, sich daran zu erinnern, dass wir ja in einem Land leben, wo Kinder missbraucht werden.

Gut, die letzten 4 Jahre hätte man was machen können – aber das kann schon mal untergehen in dem ganzen hektischen Berliner Alltag, nich?


Erinnert sich noch jemand an den Runden Tisch „Missbrauch“? Na? Wer von euch kann auf Anhieb sagen, ob der noch tagt? Weiß einer, welche Ergebnisse er gezeitigt hat? Außer dem gewollten, nämlich aus der damaligen Missbrauchsdebatte den Dampf rauszunehmen und als „wir tun was“-Feigenblatt zu dienen?

Um es kurz zu machen: Der Runde Tisch hat seine Arbeit beendet und er hat Handlungsempfehlungen ausgesprochen.

Ich hab keine Ahnung, ob diese Handlungsempfehlungen jetzt schon im Papierkorb liegen oder irgendwo in einer Ablage für irgendwann mal, wenn man mal Zeit hat.

Oder ob sie meiner Kanzlerin als Klopapier gedient haben.

Umgesetzt wurde davon nämlich meines Wissens genau nix. Weder wurde ein Hilfesystem installiert, schließlich gibts ja die kostenpflichtige NINA-Hotline, jeweils zu beamtentauglichen Dienstzeiten. Kinder und Jugendliche, die außerhalb der Öffnungszeiten in Not sind müssen dann halt warten.

Ist ja nicht so als würde das dann eilig sein, die Missbräuche gehen ja oft schon längere Zeiträume, da macht ein Tag ja wohl auch nichts mehr aus. Kind kennt das ja schon.

Ja, ich bin da inzwischen sehr zynisch.

Aber immer, wenns auf die Wahlen zugeht, kramen die Politiker dieses furchtbare Thema wieder raus. Nicht, um zu fordern, dass endlich was passieren soll, dass man endlich den Betroffenen mal HILFT.

Nein, man benutzt das Thema skrupellos, um den politischen Gegner zu diskreditieren. Man profiliert sich als Law-and-Order-Mensch bei dem Thema, indem man sinnlos Strafverschärfungen fordert.

Als ob man das Problem damit lösen könnte.

Die Grünen hatten also vor gut 30 Jahren ein Pädophilen-Problem. Das haben die Piraten heute übrigens auch und merkens nicht.

Pädophilenorganisationen wie z.b. die Krumme 13 haben immer wieder versucht, die Pädophilie gesellschaftsfähig zu machen. Sie waren ihrem Ziel nie so nahe wie Anfang der 80er, als die sexuelle Revolution vollzogen war und man sexuelle Präferenzen als normal ansah.

An die Kinder dachte man dabei keine Sekunde. Es brauchte erst die Missbrauchsfälle in den Kirchen und in der Odenwaldschule, damit sich das ändert.

Und selbst jetzt werden die Betroffenen ausgeblendet. Es geht um einen Daniel Cohn-Bendit. Ich gestehe, ich wüsste auch gerne, was an den Vorwürfen dran ist. Möglicherweise nichts. Möglicherweise hat er die Wahrheit berichtet. Das Schweigen aus der Frankfurter Ecke ist für mich ohrenbetäubend.

Aber es gibt keine Beweise. Selbst eine FDP-Politikerin hat einen Pädo-Text geschrieben, über den sie heute „entsetzt“ ist. Man muss es ihr lassen: Sie hat die richtigen Konsequenzen gezogen.

Es spricht viel dafür, dass man damals der Meinung war, dass Pädophilie eine Präferenz wie Homosexualität ist. Vergesst bitte nicht, dass Homosexualität lange Zeit unter Strafe stand. Man ist dafür ins Gefängnis gewandert, die Zeiten sind noch nicht zu lange her. Ich kann mich daran erinnern, wie mein Großvater über die „widerlichen 175er“ gewettert hat.

*hust* wenn der wüsste… 😀

Homosexualität ist hier heute normal. Es wird nur noch von den Weihnrauchfanatikern als „widernatürlich“ angesehen. Das ist zu weiten Teilen den Aktivisten zu verdanken, die sich hingestellt haben und sagten: „Ich bin hier, ich bin normal. Ich bin nicht widerlich. Ich bin ein Mensch wie du“ – und ganz langsam hatte sich das geändert.

Die Pädophilen-Aktivisten wollten auf dieser Welle mitschwimmen. Wenn man denen eins zugute halten muss, dann, dass sie durchaus in der Lage sind, die Zeichen der Zeit frühzeitig zu erkennen.

Es ist ihnen damals nicht gelungen, Pädophilie gesellschaftsfähig zu machen, es wird ihnen auch heute mit den Piraten nicht gelingen.

Was sollen die Grünen denn „aufarbeiten“? Die Dokumente sind veröffentlicht und im Netz. Es ist nicht schwer, der  AG SchwuP hinterherzurecherchieren. Die Originalzitate sind belegt. Mehr ist nicht zu tun. Das ganze ist 30 Jahre her.

Was immer man an Aufarbeitung tun muss (die Grünen tun das im übrigen gerade indem sie eine Studie in Auftrag gegeben haben), muss man tun. Aber bitte mit der gebotenen Ruhe, mit der dem Thema angemessenen Sachlichkeit.

Hysterie haben die Betroffenen genug erfahren. Schuldzuweisungen („Warum hast du nie was gesagt?“ oder „warum hast du das mit dir machen lassen“) kennt jeder Betroffene in der einen oder anderen Form. Mal krasser, mal weniger krass.

Lassen wir die Grünen ihre Studie machen und schauen mal, was sich daraus ergibt.

In der Zwischenzeit wäre es eine erfrischende Ausnahme, wenn sich ein Politiker mal hinstellen würde und werbewirksam Hilfen für Betroffene fordert anstatt Strafverschärfungen. Und wenn Parteiübergreifend endlich mal die Ergebnisse des Runden Tisches, so mau sie auch sein mögen, zur Kenntnis genommen würden.

Die Betroffenen sind für ihr Leben genug missbraucht worden. Es ist hochgradig unlauter, sie erneute für billige Wahlkampfzwecke zu missbrauchen.

 

Send to Kindle
Soziales

Flattr this!

3 thoughts on “Der missbrauchte Missbrauch

  1. Tja da werden die „Mißbrauchten“ halt wieder mißbraucht.
    Eigentlich wollte ich Dich ja in den Senkel stellen weil Du Kindesmißbrauch nur mit sexuellem Übergriff gleichsetzt obwohl die Mehrheit des Kindesmißbrauchs in Vernachlässigungen besteht !
    Aber da Du Dich auf die Parteien beziehst und die da noch „extremer“ sind stimme ich Dir darin zu …
    Das Problem ist aber wieder dasselbe wie immer, die Verantwortlichen werden nicht in Verantwortung genommen, egal ob es sich um Kommunen, Politiker oder Eltern handelt.
    Dafür mißbrauchen sie halt wieder die „Mißbrauchten“ natürlich nur zu deren „Schutz“ *kotzsmileyfehlt*
    Achja wir sollten in den „Blödmedien“ mal darauf achten wann die „Terroristen“ massenhaft „Säuglinge ficken statt aus den Brutkästen zu kippen“ *welchessmileyfehlt??*
    Und wir sind auf dem Weg in die „Parteienlandschaft“ der USA inklusive deren „Wahlkrampf“ m( *facepalmsmileyfehltauch*
    Und nu lösch’s von mir aus und pack mich innen SPAM 🙁

    • Ich würd mir nur manchmal wünschen, du würdest etwas sorgfältiger formulieren. 😉

      Missbrauch und Vernachlässigung sind übrigens zwei Paar Schuhe. Und ja, in dem Fall weiß ich sehr genau wovon ich rede.

      Vernachlässigte Kinder sind auch nicht auf Rosen gebettet, aber der sexuelle Missbrauch ist dann doch noch mal echt eine andere Hausnummer. Viele entwickeln eine posttraumatische Belastungsstörung, die dann auch noch oft fehldiagnostiziert wird. Das gibt meist eine recht fiese Odyssee durch die verschiedenen Behandlungsschulen.

      Seh ich in meinem näheren Umfeld: Erst wars Verhaltenstherapie, dann Ergotherapie (und nix sonst), dann nur medikamentös, weil „der Hirnstoffwechsel durcheinander ist“ – woher der Psychiater das wusste? Keine Ahnung, muss der wohl ausgewürfelt haben. Der hat auf jeden Fall keine Bluttests oder sonstige körperlichen Tests gemacht.

      Letztendlich die Diagnose PTBS – und endlich ne Traumatherapie. Die auch *endlich* endlich anschlägt.

      Vernachlässigte Kinder haben hier mit deutlich anderen Problemen zu kämpfen.

  2. Wenn einige Politiker vor 30 Jahren versucht haben , Pädophilie gesellschaftsfähig zu machen, und heute offen eingestehen, dass das ein Fehler ist, dann finde ich das akzeptabel. Voraussetzung ist natürlich, dass sie das „nur“ politisch propagiert haben. Wer Kinder missbraucht hat, gehört nicht mehr in die Politik, in der Gesetze gemacht werden.

    Ansonsten ist es business as usual – genau so, wie Internetsperren mit Kinderpornographie begründet wurden, wird jetzt Kindesmißbrauch für den Wahlkampf mißbraucht. Diese Scheinheiligkeit (nicht nur hierbei) ist ein Grund, warum ich unsere Politik so widerlich finde. Das ist ein Thema, dass billig verramscht wird, weil man damit am Stammtisch prima punkten kann. Inhaltliche Auseinandersetzung? Hilfe für die Opfer? Das wäre mühsam, damit könnte man keine großen Reden schwingen und keine schicken Pressefotos machen. Das ist wieder mal ein Beleg für unsere Medien“demokratie“, in der der gewinnt, der am besten mit den Medien umgehen kann – nicht der, der wirklich was bewirken will. Ich fürchte, daran wird sich so schnell nichts ändern.

bestellt folgenden Kaffee