Am Rande des Abgrunds

Kleine Vorwarnung: Das wird jetzt *sehr* kontrovers und *sehr* abseits des Mainstreams. Ich werde hier etwas genauer auch auf die Kommentare achten.

Ein Land nicht nur am Rande des Abgrunds, Ägypten befindet sich derzeit im freien Fall. Zuviel ist geschehen, zu sehr hassen die einzelnen Gruppen einander, als das sie noch friedlich zusammen leben könnten.

Wie konnte es geschehen, dass erwachsene Menschen auf einmal mit Waffen aufeinander losgehen?

Die Antwort zu der Frage ist meines Erachtens nicht so einfach, wie sie in den Medien dargestellt wird. Und auch ein herunterbrechen auf „schwarz“ und „weiß“ und „gut“ und „böse“ ist nicht wirklich möglich.

Wer hat Schuld am Bürgerkrieg? Die Antwort dürfte lauten: Alle. Keiner.

Als die ersten freien Wahlen nach Mubaraks „Abdankung“ durchgeführt wurden, waren die Ägypter geradezu euphorisch. Demokratie, gleiches Recht für alle – unter Mubaraks Kleptokraten gab es das nicht.

Gewonnen haben die Wahl die Muslimbrüder. Das bislang säkuläre Ägypten auf einmal tief religiös? Nach wie vor glaube ich das nicht. Die Religion war nicht der Grund, warum man Mursi gewählt hatte. Sondern weil er mit dem bisherigen Regime nichts zu tun und sogar zeitweise selbst im Gefängnis gesessen hatte.

Die Muslimbrüder waren ebensowenig im Verdacht, Teil der herrschenden Elite zu sein. Doch politisch unerfahren wie diese Gruppierung nun mal ist, zudem zutiefst autokratisch und wie alle religiösen Fanatiker davon überzeugt, Recht zu haben und dieses Recht haben notfalls auch gegen den Willen der „Ungläubigen“ durchsetzen zu dürfen, unterschätzten sie die Verhältnisse in Ägypten völlig. Und unterschätzten auch völlig den Grund, warum sie gewählt wurden.

Ihre Agenda war klar, nur offenbar nicht den Ägyptern, die das alles schon „für nicht so schlimm“ hielten. Doch die Scharia als Grundlage für die Gesetzgebung wollte dort niemand. Die Unruhe wuchs. Mohammed Mursi – mehr damit beschäftigt, seine Machtbasis durch Gesetze zu sichern, als er merkte, dass die alten Mubarak-Kader mitnichten entmachtet waren und zudem gehemmt durch den Aufpasser Berater, den die Muslimbrüder ihm zur Seite gestellt haben und der offensichtlich auf schnelle Umsetzung der Agenda der Muslimbruderschaft drängte, bemerkte nicht, dass ihm die Zügel immer schneller entglitten.

Die Wirtschaft am Boden und erholte sich auch nicht mehr. Die Menschen wurden arbeitslos und verloren so buchstäblich ihren Broterwerb. Mursi bemerkte das einfach nicht. Und dann gingen die Menschen wieder auf die Straße.

Mursi und die Muslimbrüder haben hier falsch reagiert. Er, sicher, dass er gewählt und sicher im Amt war, empfand die Kritiker auf der Straße als Bedrohung seiner Macht und ließ sie wegprügeln. Dieselben Söldner, die einst für Mubarak kämpften, prügelten nun in Mursis Namen. Gleichzeitig sind die Muslimbrüder in Gruppen durch die Straßen gezogen und haben systematisch Frauen belästigt und vergewaltigt – ein Einschüchterungsversuch, der die Frauen aus dem öffentlichen Bild verdrängen sollte. Wer den Frauen half, wurde verprügelt.

Für die Ägypter war das Maß voll. Der Tahrir-Platz füllte sich und es hing der Bürgerkrieg in der Luft, denn es wurde schnell klar, dass weder Mohammed Mursi noch die Muslimbrüder einknicken werden.

Man gewöhnt sich schnell an die Macht.

An dieser Stelle entschied sich das Militär, einzugreifen. Die Armee weiß, dass sie Zivilverwaltung nicht kann. Und ich glaube nach wie vor, dass sich die Armeeführung diese Enscheidung nicht leicht gemacht hatte. Doch sie hatten die Wahl, entweder einen Bürgerkrieg gegen die eigenen Leute zu führen oder aber zu putschen und zu versuchen, die Situation irgendwie zu retten.

Mohammed Mursi und seine Entourage kamen ins Gefängnis, die Armee hatte vordergründig den Frieden wiederhergestellt. Man versuchte, so schnell wie möglich einen Zivilverwalter zu bekommen. Doch egal, wen man aufbot: Die Muslimbrüder wollten nicht. Sie waren gewählt, sie waren diejenigen, die das Sagen hatten. So sehen sie es nach wie vor. Und sie wollen auch nicht davon ablassen.

Der richtige Weg, der einzige Weg, der Ägypten jetzt noch vor einem Bürgerkrieg bewahren kann, sind Neuwahlen. Die Armee versucht auch eigentlich genau das. Doch die Camps der Muslimbrüder, die bereits 1992 bewiesen haben, dass sie ohne zu zögern auch zur Gewalt greifen würden, stellten in der Tat eine Bedrohung dar. Eine Versammlung bewaffneter Menschen, die zur Gewalt bereit sind und bewiesen haben, dass sie auch zur Gewalt greifen – ich hätte hier mal sehen wollen, wie die Polizei reagiert hätte.

Die Armee forderte also mehrfach auf, die Camps aufzulösen. Und wie das so ist, wenn man mit Deeskalation und Verhandlung keine Erfahrung hat, dann eskaliert eine Situation. Die Armee wollte die Protestcamps auflösen. Die Muslimbrüder weigerten sich. Sie sehen sich nach wie vor als die Herrscher Ägyptens. Dass sie bei der Mehrheit der Bevölkerung inzwischen verspielt haben, interessiert sie nicht. Die Armee wurde dadurch in Zugzwang gesetzt, wollte sie nicht ihr Gesicht verlieren, was sie sich angesichts der Situation überhaupt nicht leisten kann. Sie musste reagieren.

Und am Ende dieser Kette, ausgelöst durch sture und verbitterte Menschen,  stehen immer Tote.

Hätten die Toten verhindert werden können? Ja, zu jeder Zeit. Auch jetzt noch. Ein wenig Entgegenkommen auf beiden Seiten, die Tatsache anerkennend, dass die Situation völlig eskaliert ist und dass man ohne Zugeständnisse an die jeweilige Gegenseite um einen Bürgerkrieg nicht herumkommt.

Dann wäre der freie Fall aufzuhalten. Doch so wie es derzeit aussieht, schneiden alle Beteiligten die Leinen des Fallschirms durch, immer darauf bedacht, die Leinen der Gegenseite durchzuschneiden und ohne zu erkennen, dass beide am selben Schirm hängen.

Der Aufprall wird wie immer die Falschen töten. Nämlich die, die sich nicht wehren können.

Verdammt. Es könnte so einfach sein.

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Soziales

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One thought on “Am Rande des Abgrunds

  1. Da hast Du’s auf den Punkt gebracht es braucht immer mindestens zwei, egal ob zum Prügeln oder Versöhnen.
    Das Grundproblem liegt aber wie Du schon erwähnt hast in den „Religioten“, denn wenn man so einen mal fragt warum das denn ist knallt der Dir gleich das drölfte Buch Banarama um die Ohren ohne auf Deine Frage überhaupt eingehen zu WOLLEN !
    Das ist es nämlich sie WOLLEN Ihren „Gottesstaat“ sie WOLLEN Macht und WOLLEN NICHT Demokratie oder das gar „Heiden“ im Staat frei rumlaufen können.
    Um zu deeskalieren muß derjenige der gerade durchdreht aber verstehen WOLLEN und das sehe ich bei verblendeten „Religioten“ eben nicht.
    Ergo entweder das Militär macht „Tabula Rasa“ und danach Neuwahlen mit der Prämisse das Religionsfreiheit und die allgemeinen Menschenrechte gelten MÜSSEN oder das gesamte Volk muß auf die Straße und die „Religioten“ die ja die Minderheit stellen aus dem Land jagen.
    Beides wird blutig sein und Bürgerkrieg ist es ja auch wenn aktuell das Militär mit schwerem Gerät gegen Bürger vorgehen, was anderes sind die „Religioten“ ja nicht.
    Schade das das Bildungsniveau so gering ist, dann würde sich das mit dem Glauben von selber erledigen 🙁

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